Sichtbarkeit vs. weiblicher Zyklus

Mein ewiges Problem: Sichtbar für andere sein. Mich anderen zeigen. So wie ich bin. Das, was ich denke. Mein Innerstes. Mein Können. Meine Fähigkeiten. Warum? Wer weiß, vielleicht wurde es mir in die Wiege gelegt, vielleicht habe ich es mit der Zeit gelernt. Doch was heißt es überhaupt, sichtbar zu sein? Und wie viel und was muss ich von mir zeigen, um sichtbar zu sein? Und was hat mein Zyklus damit zu tun?

Wann bin ich bereit etwas und / oder mich zu zeigen?

Bevor ich nach außen sichtbar werde, halte ich mich lieber brav im Hintergrund. Arbeite für mich. Denke mir schöne Sachen für andere aus. Zeige kaum etwas, bevor ich nicht fertig bin – dabei ist „fertig“ relativ. Es gibt immer etwas zu verbessern. Eine Nacht drüber geschlafen und schon habe ich eine noch bessere Lösung gefunden – oder manchmal auch das Interesse verloren. Wem nützt es also, wenn ich „unfertige“ Zwischenstände zeige? Es handelt sich ja doch immer nur um eine Momentaufnahme, die kurze Zeit später nicht mehr existiert.

Ab und zu kommt es vor, dass ich über meinen Schatten springe. Durch einen meist von außen gesetzten Termin zwinge ich mich selbst etwas fertigzustellen und sichtbar zu machen. Dieses Jahr im November waren es gleich zwei Projekte: ein Adventskalender, der sich in ein Buch verwandelt, und eine Geburtstagszeitung zum Sechzigsten meiner Mutti. Ein großes und ein kleines Projekt. In beiden Fällen froh, dass sie einen Abschluss gefunden haben. In beiden Fällen das Wissen, dass sie noch besser hätten sein können. In beiden Fällen dennoch mehr als ausreichend Lob von denen bekommen, die es gesehen haben.

Und doch hielt mich innerlich etwas zurück, mit beidem stolz nach draußen zu gehen. Sie sichtbar zu machen und damit auch meine Fähigkeiten und mich selbst sichtbar zu machen. Denn in allem, was wir herstellen, produzieren, kreieren und nach außen geben stecken wir selbst. Unser Innerstes. Unsere Gefühle. Unsere Zweifel. Unser Mut. Unsere Ängste.

Der ewige Vergleich mit anderen

Schon im Deutschunterricht lernten wir, dass hinter jedem Gedicht, hinter jedem Wort eine Absicht steckt. Wir lernten zu interpretieren. Man schreibt nicht einfach nur so. Was steckt wirklich hinter den Worten? In der Kunst malt man nicht einfach so ein Bild. Jeder Maler hat sich etwas bei seinem Gemälde gedacht. Jeder Pinselstrich hat doch bestimmt eine Bedeutung. Und in der Musik wird jeder Text eines Singer-Song-Writers analysiert. Wo sind die Parallelen zu seinem echten Leben? Hat er wirklich das getan, was er in Zeile X besingt? Warum will man dies alles wissen?

Der Mensch ist neugierig. Er ist selten mit dem eigenen Leben rundum zufrieden. Er hofft, in den Geschichten anderer eine Lösung für sich selbst zu finden. Ein besseres Ende für sich. Und manchmal bemerkt er, dass es ihm bereits besser geht als seinem Gegenüber.

Wir stehen im ständigen Vergleich mit unseren Mitmenschen. Jede Aktion wird ganz automatisch bewertet. Denn immer gibt es jemanden, der das, was wir zeigen, schlecht findet. Der mit unserer Ansicht des Lebens nicht übereinstimmt. Wie sollen wir unter diesen Umständen uns selbst und unsere Fähigkeiten unbekümmert zeigen?

Vielleicht reicht es, sich auf diejenigen zu konzentrieren, die mit uns auf einer Wellenlänge sind? Diejenigen, die den gleichen Werten folgen? Alle anderen auszublenden? So, als gäbe es sie gar nicht? Dann bekommen wir selbst keine schlechte Kritik, sondern nur Zuneigung. Allerdings hinterfragen wir uns selbst dann auch nicht. Wir stecken in einer Blase fest. Bekommen keine herausfordernden Denkanstöße. Können uns nicht weiterentwickeln. Bleiben auf der Stelle stehen.

Mit Gefühl und Agilität in die Sichtbarkeit

Hmm, gar nicht so einfach diese Sichtbarkeit. Wie wäre es also, wenn wir einen agilen Ansatz wählen?  Erst zeigen wir uns einem uns wohlgesonnenen Umfeld, um Vertrauen in uns und unsere Fähigkeiten aufzubauen. Irgendwann wird es dann Zeit, diese Blase zu verlassen.  Um zu wachsen. Um neue Fähigkeiten zu lernen. Um uns weiterzuentwickeln.

In der Theorie klingt alles nachvollziehbar. Der Verstand kann folgen. Doch ohne das Herz zu berühren, kann der Kopf noch so viel verstehen. Es bleibt beim ewigen Wunsch nach Sichtbarkeit. Man folgt den großen Vorbildern. Macht es genau nach Anleitung. Drei bis fünf Instagram-Posts pro Woche. Stories natürlich nicht vergessen. Zeig dich auf mehreren Kanälen. Aber bloß nicht überall mit den gleichen Inhalten. Plane im Voraus. Erstelle ansprechende Grafiken. Mache Selfies. Biete Mehrwert. Am besten alles auf einmal. Und schon ist der Krampf da und das Gefühl jenseits von Gut und Böse.

Prüfe regelmäßig, wie wohl du dich mit deiner Sichtbarkeit fühlst

Ich verstehe, dass es wichtig ist, die Theorie zu verstehen. Denn nur wenn ich weiß, welche Möglichkeiten es gibt, kann ich die für mich passenden auswählen. Deswegen halte immer wieder inne und prüfe, welche Wege in die Sichtbarkeit sich für dich gut anfühlen. Teste dich aus und habe gleichzeitig den Mut, Kanäle wieder fallen zu lassen, wenn du merkst, dass du (noch) nicht wohl mit ihnen fühlst. Konzentriere dich auf das, was dir Spaß macht, was dir leicht von der Hand geht.

In der agilen Softwareentwicklung wird nach jedem Sprint (= zwei bis vier Wochen) in der sogenannten Retrospektive reflektiert, wo man gerade steht. Was ist gut gelaufen, welche Abläufe können verbessert werden. Mehr und mehr hält dieses Vorgehen auch in anderen Bereichen Einzug. Gerade für uns hochsensible Multitalente auf dem Weg in ein freibestimmtes Leben eine gute Möglichkeit, sich selbst regelmäßig neu zu sortieren – auch in Sachen Sichtbarkeit.

Was der weibliche Zyklus mit Sichtbarkeit zu tun hat

Seit einiger Zeit beobachte ich mich selbst während meines Zyklus. So ziehe ich mich in den Tagen vor den Tagen automatisch ein wenig zurück. Bin schnell angreifbar für Kritik. Brauche es gemütlich. Für mich die beste Zeit, zu reflektieren. Was immer dabei hilft: Journaling und Waldspaziergänge. So können die Gedanken fließen und Platz für Neues machen.

Spätestens am dritten Tag des neuen Zyklus zieht es mich hingegen automatisch nach draußen. Ich bin bereit, mich wieder der Außenwelt zu zeigen. Lasse unbekümmerter andere an meinem Leben teilhaben.

Warum ist der weibliche Zyklus nicht im Berufsalltag sichtbar?

Im alltäglichen Berufsleben – egal ob offline oder online – ist der weibliche Zyklus ein Tabuthema. Kaum eine spricht darüber, in welcher Phase sie sich gerade befindet oder ob sie schon in den Wechseljahren ist oder diese bereits hinter sich gelassen hat. Offline kann man es manchmal vielleicht erahnen. Online nicht mal das.

Man sieht sich gerade auf Social Media meistens gut gelaunt mehrmals die Woche. Möchte man professionell wirken, produziert man die Posts für schwache Phasen vor. Hauptsache man bzw. frau ist regelmäßig sichtbar. Bloß keine Schwäche zeigen.

Doch wofür das Ganze? Warum kann man nicht einfach sagen, wie es ist, und auch mal eine Woche im Monat ruhiger machen? Warum kämpfen wir Frauen kämpfen gegen unseren Zyklus an? Warum haben wir das Gefühl, dass wir uns gerade in ruhigen Zeiten öfter zeigen müssen? Warum machen wir uns selbst so einen Druck?

Fazit

Wie viel leichter wäre es, mit unserem Zyklus zu leben? Das Auf und Ab, das er natürlicherweise mit sich bringt, auch nach außen sichtbar zu machen. Unsere Umwelt daran teilhaben zu lassen. In „Die 7 Geheimnisse der Schildkröte“ von Aljoscha Long und Ronald Schweppe ist so schön beschrieben, dass die Schildkröte Kurma nur mit der Wellenbewegung Schwimmzüge macht und sich in der Rückbewegung einer Welle treiben lässt. Warum also immer und jederzeit sichtbar sein, wenn es kräftesparender im Einklang mit dem Zyklus geht?

Eine Antwort auf „Sichtbarkeit vs. weiblicher Zyklus“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.